Empfehlung der Jury des XV. Fernsehworkshop Entwicklungspolitik:

"Dies ist ein Film über Deutsche und für Deutsche. Er zeigt in zahlreichen Ausschnitten, wie sich das Afrikabild der Deutschen durch deutsche Medien - Spielfilme, Dokumentationen, Features, Reportagen, Nachrichten und Soaps - über die Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. Er ist darüber hinaus ein Antikriegsfilm, der mit ungewöhnlichen Mitteln seine Aussage erreicht. Durch die Auseinandersetzung mit unseren eigenen Mythen und die ungewöhnlichen filmischen Mittel ist er durchaus geeignet, neue Impulse für die Bildungsarbeit zu setzen."

 
 

" BEFREIEN SIE AFRIKA! "

Dokumentarfilm   Deutschland 1999   83 Minuten   Farbe und schwarz/weiß

1976 ist Ziel des Gesellschaftsspiels Risiko, "Länder, insbesondere Nachbarländer zu überfallen, Kontinente und die Welt zu erobern sowie die Gegner zu schlagen. Sieger ist, wer zuerst die Weltherrschaft erringt."

... und Risiko 1990: "Bei diesem Spiel gibt es - wie leider auch in der Realität - Einflußsphären, deren Bestand Besatzungsarmeen zu erhalten versuchen. Ziel von "Risiko" ist es, Länder und Kontinente von Besatzungsarmeen zu befreien und in die Unabhängigkeit zu führen."

Der Film erzählt die Geschichte des deutschen militärischen Engagements in Afrika von 1940 bis heute. Zugleich ein Film über den deutschen Mythos Afrika:

500 Ausschnitte aus Spielfilmen, Reportagen, Dokumentationen, Comics, Werbespots, Musikvideos und Computerspielen illustrieren  das deutsche Afrika-Bild der letzten fünfzig Jahre, darunter bisher nie gesehenes Material aus ost- und westdeutschen Archiven. Kriegsveteranen, Legionäre und Offiziere erzählen von ihrem Traum von Afrika. Eine schnelle, eng verwobene filmische Collage über die deutsche Militärpolitik in Afrika und über die Wechselwirkung von Politik und Populärmythen.

BEFREIEN SIE AFRIKA! ist ein Dokumentarfilm über das Bild Afrikas in Deutschland und die Rolle Deutschlands in Afrika. Anhand der Darstellungen des "Schwarzen Kontinents" und der Vorstellungen, die sich die Deutschen vom Leben der Afrikaner machen, beschreibt der Film die deutsche Afrikapolitik in der Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis heute. Ein Film über das Afrika-Bild der Deutschen in Ost und West und darüber, was sie in den letzten fünfzig Jahren im realen Afrika suchten.

BEFREIEN SIE AFRIKA! illustriert das Ende des Kolonialismus und das Entstehen unabhängiger afrikanischer Staaten anhand der Bilder von Afrika und den Afrikanern in ost- und westdeutschen Medien. Diese Bilder vom Schwarzen Kontinent sind mal gutgemeint, mal böswillig und verzerrend, manchmal unterhaltsam, belehrend, mal komisch, mal lächerlich. Da sie ganz überwiegend von dem geprägt wurden, was sich Europäer unter "Afrika" vorstellen, enthüllen sie, wie weitgehend populäre Mythen politische Haltungen und Handlungen beeinflussen. Schwarze Kannibalen tauchen in Abenteuerfilmen genauso auf wie in TV-Reportagen, und Söldner, Abenteurer, Menschenfresser, Großwildjäger bevölkern zahllose der gezeigten Filmausschnitte.

In vier Jahren wurden Tausende von Stunden Filmmaterial gesichtet, um einen Überblick über die filmische Darstellung von Afrika in den beiden Deutschlands zu bekommen. Mit fünfhundert Ausschnitten aus über siebzig Filmen und bisher unveröffentlichtem Material aus ost- und westdeutschen Archiven zeigt BEFREIEN SIE AFRIKA!, wie sich längst überwunden geglaubte Vorstellungen vom "Schwarzen Kontinent" bis heute in vielen Darstellungen Afrikas wiederfinden.

Die Ausschnitte aus den Filmen und aus Interviews werden nicht kommentiert und auch nicht durch Einblendungen von Namen oder Titeln ergänzt. Außer ihren Träumen von Afrika haben die Interviewpartner, die alle irgendwann zwischen 1941 und 1990 in Afrika waren, eine Gemeinsamkeit: sie waren in Afrika als Soldat, als Legionär, als Söldner, als Offizier, als Angehöriger einer der verschiedenen deutschen oder auch einer anderen Armee, etwa der französischen Fremdenlegion.

Als 1993 aus Belet Huen berichtet wurde, "zum ersten Mal seit 1943" seien deutsche Soldaten in Afrika, entsprach das keineswegs den Tatsachen. In den Jahren zwischen Weltkrieg und Wiedervereinigung gab es teilweise sehr intensive "militärpolitische Beziehungen" der beiden Deutschlands zu zahlreichen afrikanischen Staaten.

In der Bundesrepublik hieß das "Ausrüstungshilfe", in der DDR "internationale Solidarität im bewaffneten Kampf", im wiedervereinigten Deutschland "Ausstattungshilfe".

In BEFREIEN SIE AFRIKA! ist der "Schwarze Kontinent" ein Modell, eine verkleinerte, plastische Darstellung afrikanischer Landschaften: ein Diorama. Mit dem Diorama (dem Spiel-Afrika) als Kulisse und den Filmausschnitten (dem Film-Afrika) wird ein Spiel über afrikanische Kriege und über deutsche Interessen und Verwicklungen in diesen Kriegen gespielt.

Die Sahara bevölkern Figuren von "Eingeborenen", "Wüstenfüchsen" und "Wüstenratten", samt "Tiger"-Panzermodellen im entsprechenden Maßstab. Rommels Afrika-Korps gibt es heute in Spielzeugläden als Plastikbausatz - genau wie den modernen Kampfhubschrauber "Tiger". Im Spiel-Afrika gibt es Tiger, genau wie im Film-Afrika, während im wirklichen Afrika nur Waffen gleichen Namens auftauchen.

Der Collage aus Film-, Fernseh-, Comicbildern vom Mythos Afrika entspricht das Kinderspiel von der Entdeckung, der Eroberung, der Befreiung Afrikas.

Der Titel "BEFREIEN SIE AFRIKA!" ist der Anleitung zum populären Gesellschaftsspiel "Risiko" entnommen. In den 70er Jahren nannte die Spielanleitung als Ziel des Spiels: "Erobere die Welt". In den 90er Jahren ist das Spielziel von "Risiko": "Befreie die Welt".

Top